Argumentieren gegen Hatespeech.

Vom der Verantwortung zu Handeln.

Sich der Welt stellen und diese mitzugestalten – das bedeutet auch, mit Menschen in den Dialog zu treten. Wenn es um den Umgang mit Rassismus geht, kann ein Dialog möglich sein. Manchmal ist dafür jedoch kein Platz; dann kann weiterhin eine eigene Positionierung angebracht sein. Hierfür gibt das So-Fo-R-T-Prinzip erste Hinweise. Sowohl für einen wohlgesonnen Dialog sowie die eigene Positionierung ist es hilfreich, typische rassistische Argumentationsmuster zu erkennen.

Wen adressieren wir?

Wen adressieren wir mit unserer Gegenrede? Zum einen die Person, die sich rassistisch äußert. Hier können wir versuchen, gemeinsam Positionen zu überdenken. Nicht immer möchte das Gegenüber jedoch überzeugt werden. Daher ist es wichtig zu bedenken, dass die Positionierung gegen Rassismus vor allem schweigende Dritte adressiert. Bleibt Rassismus unkommentiert, normalisiert sich dieser. Was früher unsagbar war, wird somit sagbar. Statt Überzeugungsarbeit zu leisten, geht es hier vor allem um das Entgegenwirken, das Eindämmen von Normalisierungsprozessen.

Sorge ernstnehmen, Rassismus zurückweisen

Manchmal werden rassistische Positionen eingenommen, die gleichzeitig auch nachvollziehbare Sorgen mitmeinen. Diese gilt es voneinander zu trennen. Was ist berechtigte Sorge, was ist Rassismus?

Argumentieren: Sorge und Rassismus unterscheiden

Angelika verknüpft hier ihre Sorge um bezahlbaren Wohnraum mit Rassismus. Hierbei können wir der Sorge um anziehende Mietpreise beipflichten, dabei aber gleichzeitig den Rassismus benennen und diesen zurückweisen. Dieser besteht aus einer voreingenommenen Unterscheidung zwischen „denen“ und der unbenannten Gruppe, zu der sich Angelika selber hinzuzählt. Die Gruppen werden dabei differenziert, gewertet und verallgemeinert. Wichtig ist: Deutschland ist eines der reichsten Länder der Welt – eine angemessene Wohn- und Sozialpolitik ist hier der politische Hebel, um den Haus- und Wohnungsmarkt gerechter zu gestalten. Rassismus wird dieses Problem nicht lösen.

Das Ungefähre konkretisieren

Lohnenswert kann es sein, das Ungefähre, nur Angedeutete zu konkretisieren. Wo das Unkonkrete noch anknüpfungsfähig für Emotionen ist, kann das Konkrete sachlich besprochen und auf seinen Wahrheitsgehalt hin überprüft werden.

Argumentieren: Das Ungefähre konkretisieren

Während der Kommentar von Doris in den sozialen Medien viel Zustimmung erfährt, bleibt die Frage, welchem Inhalt hier zugestimmt wird. Neben der Trennung in „wir“ und „die“ steht hier eine ungerechtfertigte Behandlung im Raum. Aber: Wie äußert sich diese? Ist die Meinungsfreiheit gemeint? Doris darf ihre Meinung äußern – wir lesen sie ja. Ist die Meinungsvielfalt gemeint? Aus dieser Pluralität besteht unsere Demokratie. Sind Sanktionen und Regeln der Hartz-IV-Gesetzgebung gemeint? Darüber kann man reden – allein; dafür müssen wir es benennen.

Whataboutism aushebeln

Ähnlich ist es mit der Argumentationsstruktur, die sich Whataboutism (engl. What about...?; dt. „Was ist mit...?“) nennt. Hierbei wird zum Beispiel das Benennen von Rechtsextremismus mit der Sorge nach Linksextremismus begegnet. Ähnliches hier:

Argumentieren: Whataboutism aushebeln

Ziel ist es beim Whataboutism, den Fokus neu zu setzen und somit eine Entlastungsdiskussion zu führen. Darauf muss man sich nicht einlassen, denn das Thema des Gespräches ist ja schon gesetzt: Rechtsextremismus. Natürlich kann es mehrere gesellschaftliche Fragestellungen gleichzeitig geben, doch löst sich die eine nicht durch die Nennung der anderen auf.

Gibt es "wichtigere Probleme"?

Ähnliches ergibt sich bei dem Einwand, es gäbe doch „wichtigere Probleme“ und man solle sich doch erstmal um diese kümmern. Hierbei übernimmt das Gegenüber plötzlich die Deutungshoheit was wirklich wichtig wäre. Es entsteht dabei aber eine sonderbare argumentative Schieflage: Was ist das wichtigere Problem? Hat man dieses benannt, müsste man nun sicherstellen, dass es keine weiteren „wichtigeren Probleme“ gäbe – ansonsten träfe ja wieder der eigene Einwand zu. Am Ende müsste das wichtigste Problem bestehen bleiben und dies müsste nun als erstes bearbeitet werden. Was ist das? Der Klimawandel? Krankheiten? Die Antwort fällt schwer – und gleichzeitig wird offensichtlich, dass eine solche Hierarchisierung von Problemen an der komplexen Gleichzeitigkeit unserer Gesellschaften scheitert. Es ist somit weiterhin legitim und richtig, Probleme zu benennen und diese lösen zu wollen.

Position beziehen, Grenzen ziehen

Manche Kommentare sind beleidigend, verletzend und wollen genau dieses auch sein. Dieses kann man mit gutem Recht zurückweisen – auch ein Gesprächsabbruch ist möglich. Eine persönliche Grenze zu ziehen schützt einen selber, sorgt aber gleichzeitig auch dafür, dem Gegenüber genau diese Grenze aufzuzeigen.

Humor

Argumentieren: Mit Humor

Das schöne an unserer Gesellschaft ist, dass sie auf dem Grundgesetz fußt. Darauf können wir uns berufen. Daraus leiten sich zusätzliche Paragraphen ab – diese können wir in den jeweiligen Gesetzestexten nachschlagen. Aber weitere Regeln? Ist hiermit gemeint, dass wir nun alle sonntags Gartenzwerge putzen? Oder orientieren sich diese Regeln an den Vorschlägen der Benimm-Knigge, die u.a. anmerkt, dass „Brot in die Suppe tunken absolut verpönt [ist]. Das Trinken der restlichen Suppe aus einer kleinen Suppentasse mit Henkeln ist allerdings erlaubt“? Was Dirk mit seinem Gedanken meint, bleibt erstmal dunkel. Zumindest kann Humor etwas Licht in die Sache bringen und aufdecken, dass das scheinbar Unverhandelbare hier noch unbenannt bleibt. Übrigens: Das Grundgesetz kann nur der Bundestag und Bundesrat mit jeweils Zweidrittelmehrheit abändern. Damit steht dieses für Dirk und uns erstmal nicht zur Verhandlung offen.

Zusammenfassung
✓ Wir adressieren oft schweigende Dritte.
✓ Wir können Sorgen ernstnehmen, dabei aber Rassismus zurückweisen.
✓ Wird das Ungefähre konkretisiert, kann sachlich argumentiert werden.
Whataboutism kann ausgehebelt werden: Bei einem Argument bleiben.
Humor kann eine Situation entschärfen und das Gegenüber zugänglicher machen.

Weiterführende Literatur:

Reagieren: Das So-Fo-R-T Prinzip Empfehlung