Antisemitismus.

Die vielen Gesichter der Ausgrenzung.

So wie im historischen Abriss zum Rassismus veranschaulicht, verändert sich die Ausdrucksform von rassistischen Denk- und Handlungsformen im Verlauf der Zeit – und dennoch bleibt der ausschließende Gehalt in seiner Funktion bestehen. Immer zielt Rassismus auf eine Abgrenzung, Herabwertung und Verallgemeinerung ab. Antisemitismus verbindet rassistische Ausschlusspraktiken mit unterschiedlichen Verschwörungsmythen. So dient Antisemitismus auch häufig als ideologische Welterklärung.
Antisemitismus hat dabei viele Gesichter und sich über den Zeitverlauf immer wieder verändert. Wir blicken hier auf einige Entwicklungen, aber auch Kontinuitäten des Antisemitismus.

Dies hängt ganz von der gewählten Definition ab. Antisemitismus erfüllt dabei alle drei Merkmale der Differenz, Wertung und Verallgemeinerung und kann somit als rassistische Denk- und Handlungsstruktur gesehen werden. Auch das Konzept der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit betont hier die psychologischen Gemeinsamkeiten, die beide Denk- und Handlungsmuster auslösen. Wichtig ist aber auch, festzustellen, dass Rassismus oft die „Anderen“ abwertet und dieses als defizitär ansieht. Zwar belegt nun auch Antisemitismus die „Anderen“ negativ, konstruiert diese dabei als übermächtiges Gegenüber. Dieses Gegenüber, so der Gedanke, hat Macht, wichtige gesellschaftlichen Positionen und das Kapital, um die eigenen Interessen kompromisslos durchzusetzen. Dieses Denkmuster knüpft somit an klassische Verschwörungsmythen an und dient als universales Welterklärungsmuster.

Christlicher Antijudaismus (ab 30 n.Chr.)

Ein ausgeprägter Antijudaismus, also eine Feindschaft gegenüber dem Judentum, begleitete das Christentum von früh an. War das Christentum selbst zu Beginn noch als jüdische Sekte betrachtet worden, änderte sich dieses rasch und es kam zur Spaltung. Im Jahr 380 n. Chr. wurde das Christentum dann zur Staatsreligion Roms ernannt. Warum das Christentum die wahre Religion sei, begründete sich u.a. in der Vorstellung, dass Jüd*innen Jesus als Messias abgelehnt und diesen ermordet hätten (der sog. Gottesmord).

Video: Christlicher Antijudaismus

Dieses ist zwar historisch nicht korrekt (zu Lebzeiten Jesu lag die Gerichtsbarkeit bei der römischen Besatzungsmacht und allein Römer durften Todesurteile verhängen und ausführen) - und dennoch: Alles Unrecht, was Jüd*innen anschließend geschah, war somit eine vermeintlich gerechte Strafe – die Strafe Gottes. So liess sich auch argumentieren, dass die Vertreibung aus Palästina (die Diaspora, also die Zerstreuung in die Welt) ein Zeichen Gottes sei und für die vermeintliche Überlegenheit des Christentums stehe.

Der christliche Antijudaismus war dabei ein Mittel, sich immer weiter vom Judentum zu distanzieren und den eigenen Status als wahre Religion zu festigen. Der gesellschaftliche Ausschluss war dabei ganz konkret: So durften Jüd*innen keine offiziellen Ämter bekleiden oder gegen Christ*innen vor Gerichten aussagen. Auch wurde ihnen das Tragen bestimmer Kleidung (z.B. der sog. Judenhut oder spezielle Trachten) vorgeschrieben.

In der Tradition des christlichen Antijudaismus steht auch die sog. „Judensau“ (und alle daran angelehnten Diffamierungen). An vielen christlichen Kirchen hängen auch heute noch Abbilder von Schweinen, an deren Zitzen Menschen saugen; oft sind die dargestellten an weiteren Merkmalen (wie dem "Judenhut") als Jüd*innen erkennbar. Die Diffamierung ist zweifach angelegt; so soll sie die Menschen erniedrigen, in dem sie diese im engen Kontakt mit Tieren zeigt. Bedenken wir dabei, dass jüdische Speisegebote es verbieten, Produkte von Schweinen zu sich nehmen, da diese als schmutzig und "unrein" gelten, ist die die "Judensau" doppelt diffamierend.

Cinque Terre

Am Kölner Dom: "Judensau"

Zusammenfassung

✓ Die christliche Kirche setzt das Judentum und somit Jüd*innen in das Zentrum des Feindbildes
✓ Dem Judentum wird der sog. Gottesmord (Kreuzigung Jesu) vorgeworfen
✓ Die Ausgrenzung ist dabei konkret und umfasst u.a. berufliche Einschränkung, Verfolgung und Mord


Sündenbock-Funktion
(Mittelalter)

Das europäische Mittelalter greift immer wieder zurück auf den christlichen Antijudaismus. Dabei dient dieses als Legitimation, Jüd*innen immer weiter auszugrenzen. Es kommt zu systematischen Zutrittsverboten zu christlichen Gilden und Zünften - Jüd*innen wird somit die Ausübung der allermeisten Handwerks- und Kaufmannsberufe untersagt. Auch Landbesitz wird ihnen verboten - so können Jüd*innen kein bäuerliches Leben führen. Weil zeitgleich die christliche Kirche ihren Anhänger*innen den Geldhandel verbietet, bleibt diese Nische Jüd*innen vorbehalten. Die Aufnahme des Geldverleihs (sowie die Betätigung als Händler*innen) ist somit eine Reaktion auf ganz reale Ausgrenzungen - und wird den Jüd*innen paradoxerweise im Anschluss vorgeworfen. Hier entsteht das diffamierende Stereotyp des "Wucherers".

Sichtbar wird hierbei ein judenfeindlicher Zirkelschluss, aus dem Jüd*innen nicht mehr herauskommen. Während sie auf Ausgrenzungserfahrungen reagieren, entsteht aus der jeweiligen Reaktion die neue Ausgrenzungsmechanik. So erwächst aus dem christlichen Antijudaismus der Ausschluss aus Gilden, diese führt zu der Aufnahme eines Nischenberufs (Händler*innen und Geldverleih), der wiederum zu neuen Ausgrenzungen und Stereotypen ("Wucherer") führt.

Erweitert wird dieses durch die Rolle des Sündenbocks. Über Europa fegt in den Jahren 1348/49 die Pest. Im Gebiet des heutigen Deutschlands stirbt, so wird geschätzt, jede zehnte Person infolge der Pest. Im Unwissen um die tatsächlichen, bakteriellen Auslöser der Pest behaupten die Menschen, dass Jüd*innen die Brunnen vergiftet haben. Diesem Verschwörungsmythos konnte auch die Tatsache nichts anhaben, dass Jüd*innen ebenfalls an der Pest starben wie Menschen anderen Glaubens. Es kam erneut zu gewaltsamen Pogromen, Mord und Vertreibung.

Video: Ausschluss & Sündenbock
Zusammenfassung

Zutrittsverbote zu christlichen Gilden und Zünften führen zum Ausschluss aus traditionellen Berufen
✓ Das Verbot von Landbesitz macht die Bewirtschaftung von Land unmöglich
✓ Jüd*innen erhalten immer wieder die Rolle des Sündenbocks und werden für Hungersnöte und Krankheiten verantwortlich gemacht
✓ Es kommt immer wieder zum antisemitischen Zirkelschluss: Erst werden Jüd*innen ausgeschlossen, die auf diesen Ausschluss reagieren. Daraufhin kommt es zu neuen Stereotypen und Jüd*innen werden in Folge umso erbitterter ausgeschlossen.

Die Shoa: Verschwörungsmythen & Rassenlehre (19./20. Jhd.)

Das 19. Jahrhundert stand auch in Deutschland im Zeichen der Hoffnung. Die französische Revolution verbreitete den Glauben an Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Nun sollte es also an der Zeit sein: Endlich dabei, ganz ohne Ausgrenzung und Diffamierung.

Was im 19. Jahrhundert noch zu funktionieren schien, scheiterte im anbrechenden 20. Jahrhundert immer mehr.

Video: Ausschluss

Nach dem verlorenem 1. Weltkrieg und der sich steigernden Weltwirtschaftskrise erstarkte der schwelende Antisemitismus erneut. Der neue Antisemitismus verband nun traditionelle antijudaistische Stereotype mit der Rassenlehre. So stießen Verschwörungsmythen ("das Weltjudentum") auf die Vorstellung der "verschiedenen Rassen".

Während ersteres einen imaginierten äußeren Feind markierte, zeigte die Rassenlehre des 19. und 20. Jahrhunderts auf einen vermeintlichen biologischen Unterschied. Dieses ist wissenschaftlich vielfach widerlegt, wurde aber dennoch in Deutschland zu einem ideologischen Gesellschaftsmodell umgedeutet. Während Deutsche sich selbst "Arier*innen" nannten, waren "Nicht-Arier*innen" vermeintlich biologisch minderwertig.

Die Kombination aus Verschwörungsmythen und Rassenlehre führte dabei Schritt für Schritt zu der "Erlösungsantisemitismus" - die Vorstellung also, dass nun alles biologisch weniger "wertvolle" Leben umgebracht werden müsse, um der eigenen "Rasse" das Überleben und die Ausbreitung zu sichern.
Nicht-Arier*innen" wurden daher gezielt ghettoisiert, deportiert und ermordet. Es wurden über 13 Millionen Menschen umgebracht - davon 6 Millionen Jüd*innen. Dieses wird die Shoa (hebr. 'große Katastrophe‘, ‚Untergang‘ oder ‚Zerstörung') genannt.

Zusammenfassung

>✓ Die Rassenlehre geht von biologischen Rassen aus - dieses ist wissenschaftlich widerlegt
✓ Der Erlösungsantisemitismus kombiniert die Rassenlehre mit Verschwörungsmythen
✓ Es wird ein "Weltjudentum" imaginiert, welches als kleine, mächtige Gruppierung die Menschen ausbeutet

Sekundärer Antisemitismus

Im Anschluß an die Shoa kommt es ab 1945 zu einer neuen Form des Antisemitismus. Es stellte sich die Frage: Wie sollten die Täter*innen und Mitläufer*innen der Shoa sich zu den begangenen Gräueln positionieren, wie mit Schuld und Verantwortung umgehen? Der sekundäre Antisemitismus findet hierfür eine eingängige Formel: Er begründet Antisemitismus nicht trotz, sondern wegen Auschwitz. Um Schuld abzuladen, suchen wir andere Schuldige. Der perfide Trick: Wir beschuldigen die Opfer selbst. Dieses nimmt dabei einen kleinen Umweg: So meinen heutzutage 25% der Menschen in Deutschland, Jüd*innen würden “aus der Vergangenheit des Dritten Reiches ihren Vorteil ziehen". Was das bedeutet? Erst einmal eine psychologische Entlastung: Wenn im nun Opfer vermeintlich einen Nutzen aus der Gewalt ziehen, dann wird nicht nur Leid, Mord und Genozid plötzlich verhandelbar - sondern es stellt sich auch die Frage nach Schuld und Verantwortung in einem ganz neuen Licht. Statt Verantwortung zu übernehmen kann die Täter*innenperspektive nun durch Schuldabwehr eine tatsächliche Reflexion unterbinden. Es ist diese Täter-Opfer-Umkehr, die den sekundären Antisemitismus auszeichnet.

Israelbezogener Antisemitismus

Auch der Nahostkonflikt bietet einen Anknüpfungspunkt für neuen, israelbezogenen Antisemitismus. So finden nun subtilere Formen Zustimmung;

→ 40% stimmen der Aussage zu, dass “bei der Politik, die Israel macht, [man gut verstehen könne], dass man etwas gegen Jüd*innen hat.[1]

Nun könnten wir uns fragen: Ist das denn nicht einfach legitime Kritik an der Politik Israels? Die Frage ist, in welchem Kontext die Kritik steht und welche Konsequenzen hieraus gezogen werden. Auffallend ist bei den obigen Aussagen, dass eine Verbindung zwischen Jüd*innen und dem Staat Israel gezogen wird und diese Synonym zueinander verwendet werden. Haben jüdische Deutsche somit eine Stellvertreter*innenrolle für den Staat Israel? Und: Welche Funktion hat die vermeintliche Israelkritik? Werden heutige Missstände zum Beispiel mit dem industriellen Mord an Millionen von Menschen in der Shoa gleichgesetzt, ist dieses eine Form des oben erläuterten sekundären Antisemitismus. Das Argumentationsmuster dient dabei als Entlastungsstrategie, um eigene Schuld(gefühle) aufzuwiegen und vielleicht sogar neu zu verteilen.

3D-Test

Um Antisemitismus von einer legitimen Kritik an der Politik Israels zu unterscheiden, kann der sog. 3D-Test Abhilfe schaffen. Dieser besteht aus der Prüfung auf's Exempel - hierbei werden die drei "Ds" geprüft: Dämonisierung, Doppelstandards und Deligitimierung. Durch den Abgleich, ob eine Aussage diese drei "Ds" erfüllt, kann ihr antisemitischer Gehalt festgestellt werden.[2]


Dämonisierung
Dämonisierung

Die Dämonisierung von Jüd*innen knüpft an den klassischen, primären Antisemitismus an: Hierbei geht es darum, Jüd*innen als grundlegend böse und schuldig darzustellen. Während Jüd*innen früher wegen Gottesmords angeklagt und antisemitische Stereotype kursierten, wird heute die Analogie zwischen Israel und Deutschland in den Jahren von 1933 und 1945 gezogen. So werden palästinensische Flüchtlingslager mit dem Vernichtungslager Auschwitz gleichgesetzt. Auch tauchen immer wieder Stereotype auf, die Jüd*innen als Kindsmörder*innen darstellen.


Doppelstandards
Doppelstandards

Ein Doppelstandard liegt vor, wenn Israel anders als andere Staaten behandelt und selektiv für ein Verhalten kritisiert wird, das bei anderen Staaten ignoriert wird. Es kann ein klares Zeichen von Antisemitismus sein, Jüd*innen anders als andere Menschen zu behandeln, angefangen von den diskriminierenden Gesetzen, die viele Nationen gegen sie erlassen haben, bis hin zu der Neigung, ihr Verhalten mit einer anderen Messlatte zu messen. Erzeugt ähnliche Politik anderer Regierungen die gleiche Kritik, oder wird hier ein doppelter Standard eingesetzt?


Deligitimierung
Deligitimierung

Kritik ist antisemitisch, die dem Staat Israel die Legitimation zu entziehen sucht und ihm sein Existenzrecht abspricht; etwa indem sie ihn als Überrest des Kolonialismus darstellt. Dabei ist Kritik an israelischer Politik selbstverständlich nicht zwangsläufig antisemitisch – erst die singuläre, also ausschliessliche Deligitimierung Israels macht es dazu. Die Argumentation lautet hierbei: Wenn andere Völker das Recht darauf haben, sicher in ihrem Heimatland zu leben, dann haben auch die jüdischen Menschen ein Recht darauf, sicher in ihrem Heimatland zu leben.

Nachhaken und reflektieren

Der 3D-Test stellt ein Hilfsmittel dar, um Denk- und Handlungsstrukturen gemeinsam zu reflektieren. Die kritische Auseinandersetzung kann sich unbedachten Aussagen schrittweise nähern und eigentliche Motivationen aufdecken: Geht es um persönliche Identitätsfragen, um die Reflexion der eigenen Familiengeschichte oder ist dies tatsächlich Antisemitismus und nur vermeintlich auf Israel bezogen? Öffnen wir uns, können wir zu einer bedachteren Sprache finden und somit für eine dem Menschen zugewandte Gesellschaft eintreten.

Zusammenfassung

✓ Der christliche Antijudaismus legt den Grundstein für das "Feindbild Judentum"
✓ Zutrittsverbote zu christlichen Gilden und Zünften führen zum Ausschluss aus traditionellen Berufen
✓ Jüd*innen erhalten immer wieder die Rolle des Sündenbocks und werden für Hungersnöte und Krankheiten verantwortlich gemacht
✓ Es kommt immer wieder zum antisemitischen Zirkelschluss: Erst werden Jüd*innen ausgeschlossen, die auf diesen Ausschluss reagieren. Daraufhin kommt es zu neuen Stereotypen und Jüd*innen werden in Folge umso erbitterter ausgeschlossen.✓ Der Erlösungsantisemitismus der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts kombiniert die Rassenlehre mit Verschwörungsmythen
✓ In der Shoa werden 6 Millionen Jüd*innen umgebracht
✓ Antisemitismus äussert sich immer mehr als sog. sekundärer Antisemtismus und dient dabei als Entlastungsstrategie.
✓ Der 3D-Test unterscheidet eine kritische Betrachtung der israelischen Politik von sekundärem Antisemitismus.

Das eingebundene Video ist ein Produkt von Addendum. Bei Addendum finden sich die Ergebnisse von intensiven Recherche-Projekten. Addendum agiert dabei unabhängig und mit dem Ziel, einen Beitrag zur Wiederherstellung einer gemeinsamen Faktenbasis für eine qualifizierte politische Debatte zu leisten.


Weiterführende Literatur:

Rassismus - eine aktuelle Definition. Empfehlung
[1] Studie: Gespaltene Mitte — feindselige Zustände. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland (2016).
[2] Sharansky, Nathan (2004): Die Differenzierung zwischen legitimer Kritik an Israel und dem sogenannten neuen Antisemitismus.
Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus: Dokumentation antisemitischer Vorfälle und Unterstützung für Betroffene.