Mechanismen des Ausschlusses.

Von (un)bewussten rassistischen Denk- und Handlungsstrukturen.

Was Rassismus ist, erläutert die aktuelle Definition des Rassismus. Aber wie funktionieren rassistische Denk- und Handlungsstrukturen im Alltag? Die Psychologie des Rassismus bewegt sich oft unter der individuellen Wahrnehmungsschwelle - und ist dennoch ungeschmälert wirkungsmächtig. Wenn wir unsere Vorurteile reflektieren und abändern wollen, müssen wir uns dieser zuerst bewusst werden.

Unsere Gesellschaft ist von Privilegien geprägt, welche manchen Menschen eingeräumt werden, während im Gegenzug andere Personen benachteiligt werden.

Diesem kann man sich durch ein einfaches Beispiel einprägen: Die meisten Erwachsenen haben eine Schuhgröße zwischen 35-45. Bei Übergröße verringert sich die Auswahl im Geschäft schnell, und bei Schuhgröße über 49 müssen wir schon in ein Spezialgeschäft gehen, welches sich auf Mode in Übergröße spezialisiert hat. Dieser Mehraufwand ist ärgerlich, aber damit kann man sich arrangieren – irgendwie. Fragt man jedoch bei den Menschen mit Schuhgröße zwischen 35-45 nach, ob sie sich beim Schuhkauf sonderlich gehindert fühlen, würden die meisten dies sicherlich verneinen. Sie kennen das Problem der Übergröße schließlich nicht – das ist ein Privileg.

Was nun, wenn wir durchgängig benachteiligt werden, sodass wir nicht nur in einem Lebensbereich behindert werden, sondern gleich in mehreren? Wenn es die Suche auf dem Wohnungsmarkt und im Beruf hindert, die Schulkarriere begleitet und vielleicht auch schon in der Kindertagesstätte prägend war? Dann wird aus einem Ärgernis schnell Rassismus. Wir müssen uns nun plötzlich im Leben mit Hindernissen auseinandersetzen, die andere so nicht erleben. Auch hier ist die Verteilung von Hindernis und Privileg klar verteilt. Die einen müssen sich erklären – die anderen nicht. Die einen werden in der Schlange vor dem Club aussortiert – die anderen nicht. Fragt man nun die ungehinderte, privilegierte Gruppe, ob wir ein Problem mit Rassismus haben, wird diese dazu neigen, keines zu sehen. Warum auch, schließlich erlebt diese auch kein Problem.

Privilegien vereinfachen also das Leben, ohne dass man sich diesem im Einzelnen gewahr sein muss. Wir reisen um die Welt, profitieren von einer globalen Ordnung, die unseren Gesellschaften unvorstellbaren Reichtum sichert und sehen kein sonderliches Problem darin, wenn eine Vermieterin unseren Nachnamen erfährt. Gemeinsam ist allen diesen Privilegien, dass wir diese Vorteile nicht als solche wahrnehmen müssen, um von ihnen zu profitieren.

Entsolidarisieren.


Passing

Ein Mechanismus des Rassismus ist das Passing, also das „(für etwas) Durchgehen“. Wenn wir nicht eindeutig entlang von äußerlichen Merkmalen differenziert, gewertet und verallgemeinert werden können, bietet sich für diese Menschen die Option, sich eine Gruppe auszusuchen. Hierbei können Menschen, die ansonsten von Rassismus betroffen wären, diesem ausweichen. Gleichzeitig können diese Menschen gesellschaftliche Privilegien annehmen, die ihnen ansonsten entzogen würden. Hierzu gehört auch, dass diese Person nicht weiter auffällt, also in ihrem Sein und Woher-sein nicht in Frage gestellt wird. Es entfällt somit das Othering sowie mögliche Mikroaggressionen.

„Bezahlt“ wird diese Entlastung zweifach: Zum einen muss sich die betroffene Person strikt an den äußeren Normen und Vorgaben ausrichten, die es von der Gesellschaft auferlegt bekommt. Ein „Anderssein“ kann gerade hier riskant sein, da ein Passing auch wieder umkehrbar ist. So können Personen auch wieder aus dem gemeinsamen „Wir“ rassistisch ausgestoßen werden. Zudem wirkt das Passing als Angebot der Spaltung: Hierbei werden einzelne Personen oder kleinere Gruppierungen vorläufig aus der Gruppe der rassistisch Angegangen herausgehoben. Wird dieses angenommen, ist diese Entsolidarisierung eine weitere Schwächung der rassistisch Betroffenen. Statt sich gemeinsam gegen Rassismus zu wehren, spaltet dieser hier weiter. Passing kann somit als Gegenbegriff zum Empowerment gesehen werden – statt zu stärken, schwächt dieses die rassistisch angegangen Gruppierungen.

Shadism

Ähnlich dem Passing baut Shadism (engl. "Schattierung"; shade = "Schatten") auf der Vorstellung auf, dass Gruppierung anhand äußerer Merkmale erkannt werden können. Der Begriff Shadism prägt hierbei vor allem den Versuch, eine Abstufung von Hautfarben herzustellen. Hierbei werden hellere Hauttöne anders bewertet als dunklere Hauttöne. Ähnlich dem Passing kann dies zu einer Entsolidarisierung führen - Menschen, die also von außen alle als Schwarze Person gelesen werden, werden sich entlang des Shadism hierarchisieren und unterscheiden wollen.

Verwurzelt ist dieser Gedanke in der Maafa, in welcher rassistische Ausschlussmechanismen mit dem Merkmal der Hautfarbe verknüpft wurde.

Tokenismus

Wie unangenehm ist es, wenn wir bemerken müssen, dass in unserer Arbeitsstelle, in unserer Schule oder Kita hauptsächlich weiße Personen tätig sind? Wie schön ist es dann, auf eine Person zu verweisen, die nicht-weiß ist? Das scheint eine Erleichterung zu sein - schließlich gibt es dann doch keine rassistischen Ausschlussmechanismen. Stimmt so? Stopp!

Tokenismus (engl. "Zeichen", "Symbol") bezeichnet den Mechanismus, bei dem einzelne Personen stellvertretend für die gleichberechtigte Teilhabe aller stehen sollen. Doch: Besteht eine Belegschaft eines Unternehmens aus 95% weißen Personen, ändert auch die Präsenz von 5% nicht-weißer Personen nichts an der Feststellung, dass hier die (rassistischen) Einstellungsmuster einer genaueren Überprüfung bedürfen. Das Tokenismus-Hilfsargument "Aber wir haben doch Person X im Haus!" gilt dabei nicht, denn die Unterrepräsentation bleibt ja bestehen.

Erst wenn wir eine ausgewogene und den gesellschaftlichen Anteilen entsprechende Repräsentation innerhalb unserer Betriebe, Schulen und Kitas haben, können wir sagen, dass unsere Gesellschaft die Menschen gleichberechtigt.

Mikroaggressionen.


Othering

Othering, zu Deutsch „Anders machend“, wird eine Gruppe von Menschen immer wieder auf ihr vermeintliches Anderssein aufmerksam gemacht. Diese Menschen geraten dadurch in Zugzwang und Erklärungsnot.

Wichtig ist hierbei: Othering ist nicht immer ein bewusster Vorgang; so kann die Frage nach der ursprünglichen Herkunft ganz unverfänglich gemeint sein. Reicht die Antwort „Leipzig“ oder „Deutschland“ jedoch nicht aus, fällt plötzlich auf, dass hier tatsächlich etwas anderes gemeint ist. Das Gegenüber passt nicht in das stereotype Bild und muss sich und seine Herkunft erklären. Hierbei werden zwei Bestandteile des Rassismus immer wieder bedient: Differenz und Verallgemeinerung.

Dabei wird an dieser Stelle deutlich, wie gesellschaftliche Macht funktioniert. Während aus einer unreflektierten, privilegierten Position ein Erfragen der "wirklichen Herkunft" wie ein unverfänglicher Gesprächseinstieg wirkt, wird dem Gegenüber dabei kaum Möglichkeit zur Selbstpositionierung gegeben. Die Deutungshoheit liegt nun nicht mehr bei der Person selbst, denn die Rollen scheinen nun schon verteilt.

Weiße Zerbrechlichkeit

Der Begriff der weißen Zerbrechlichkeit benennt ein Reaktionsmuster, welches erfolgen kann, wenn ein Denk- oder Verhaltensmuster als rassistisch deklariert wird. Oft wird dieses vehement abgestritten und die eigene Position emotional verteidigt. Woran liegt das?

Zum einen ist der Begriff des Rassismus in Deutschland weiterhin assoziativ an die Rassenlehre geknüpft. Zu dieser wollen wir größtmögliche Distanz herstellen. Das haben wir durch diese Begriffsverschiebung hin zur Rassenlehre auch geschafft – schließlich benennen wir hiermit eine vermeintlich in der Vergangenheit liegende Zeit, mit der wir schon allein technisch nichts zu tun haben können. Die moralische, aber auch die juristische Bewertung des Nationalsozialismus ist dabei so eindeutig, dass es für die meisten selbstverständlich erscheint, selbst kein*e Rassist*in sein zu können.

Nur: Dieses verstellt dabei den Blick auf gesellschaftliche Machtungleichheiten, die wir in unserem alltäglichen Miteinander weitertragen. Aber auch wenn wir die aktuelle Definition von Rassismus bemühen, würden wir sicherlich abstreiten wollen, dass wir rassistisch denken oder handeln. Der gesellschaftliche Überbau formuliert dabei eine Gesellschaft, in der wir alle gleich sind und uns als freie Menschen auf Augenhöhe begegnen. Es kann uns daher schwerfallen, in diesem gesellschaftlichen Ideal Risse zu entdecken, die uns selber mit einschließen. Plötzlich sind wir selber Profiteur*innen einer Gesellschaft, die Mitmenschen systematisch benachteiligt? Dies passt so offensichtlich nicht zu unserem modernen Selbstempfinden, dass wir auf diesen Vorwurf abweisend und emotional reagieren.

Zu bedenken gilt: Es ist eines der Privilegien von privilegierten Personen, nicht weiter über die eigenen Privilegien nachdenken zu müssen. Eine anstrengende Diskussion kann einfach unterbunden werden, ohne dass es größere Auswirkungen auf das eigene Leben hat. Sogar im Gegenteil: Wenn wir uns dem Vorwurf nicht stellen, brauchen wir rein gar nichts zu ändern und können weiter ungestört von der Machtstruktur profitieren. Dies unterscheidet privilegierte Personen von benachteiligten Menschen; letztere werden weiterhin der Benachteiligung ausgesetzt und erleben die Hemmnisse in ihrem Alltag.

Zudem: Privilegierte Personen haben kaum Anlässe, die sie zum Nachdenken über rassistische Machtstrukturen anregen. Privilegien vereinfachen das Leben unmerklich und halten das Ideal von gesellschaftlicher Gleichheit aufrecht. Die kontinuierlichen Gleichheitserfahrungen, die privilegierte Kinder und Heranwachsende machen, können dabei den Eindruck erwecken, dass es so etwas wie Rassismus kaum gebe. Der Stress, auf die eigene Position im gesellschaftlichen Machtgefüge angesprochen zu werden, kann daher eine neue Erfahrung sein. Diese ungewohnte, moralisch aufgeladene Situation kann dabei in Wut, Ablehnung und weitere Verteidigungsstrategien resultieren. Diese tragen dabei zu einem Erhalt der momentanen Machtverhältnisse bei und nehmen dem Gegenüber dabei jegliche Deutungsmöglichkeit ab. Statt sich mit Privilegien und Gesellschaftsstrukturen auseinanderzusetzen kann die privilegierte Person nun erneut auf die eigene Machtposition zurückgreifen.[1][2]

Gaslighting

Nicht immer ist es einfach, Rassismus zu benennen. Tun wir es doch, wird dies nicht immer ernst genommen. Eine Reaktionsform ist das sog. Gaslighting (engl. gas und lighting= "Gasbeleuchtung"). Dieser Begriff ist entlehnt aus dem gleichnamigen Theaterstück von Patrick Hamilton (1938) und benennt die Methode, ein Problem abzustreiten und die betroffene Person im Gegenzug selbst zu verunsichern und zu beschuldigen.

Typische Gaslighting-Reaktionen sind:

■ "Das bildest Du Dir doch nur ein!"
■ "Du hast bestimmt auch was gemacht."
■ "Das beurteilst Du vollkommen falsch!"

Immer wieder wird der betroffenen Person eine falsche Realitätswahrnehmung unterstellt - das Problem wird damit individualisiert, inhaltlich verschoben sowie pathologisiert. Dies bedeutet: Statt über Rassismus zu reden, wird plötzlich die betroffene Person selbst hinterfragt. Eine sichere Situation, in der Betroffenen zugehört wird, ist so unmöglich. Als Folge dessen kann es passieren, dass die betroffene Person tatsächlich das Problem bei sich selbst sucht. Zur Verunsicherung von außen kommt es so zu einer Verunsicherung von innen - also zu einer Selbstinfragestellung.

Prinzipiell gilt also: Gaslighting ist eine Methode der Verunsicherung und Infragestellung - statt der Unterstützung. Ob bewußt oder nicht, wird das Problem des Rassismus umgedeutet in ein psychologisches Problem der betroffenen Person, die nun alleine zurückbleibt.

Täter-Opfer-Umkehr.


Tone Policing

Gesagtes hat immer zwei Ebenen: Einmal den Inhalt, zum anderen die Form. Möchten wir nicht auf den Inhalt eingehen, können wir ausweichen und die Form des Gesagten bemängeln. Das Gegenüber findet es nicht in Ordnung, dass wir rassistische Begriffe verwenden? Nun, dafür muss die Person uns doch nicht gleich ins Wort fallen. So funktioniert Tone Policing (engl. Kontrolle über den Ton (Art und Weise) Statt sich inhaltlich mit dem Gesagten auseinanderzusetzen, wird die Person, die dieses formuliert hat, persönlich in ihrer Art und Weise kritisiert.

Silencing

Wie umgehen mit Dingen, die unangehm sind? Was tun, wenn wir plötzlich das eigene Denken und Handeln neu verhandeln müssen - es sogar unter dem Aspekt des Rassismus betrachten sollen? Nun, die bequeme Variante ist, die unbequemen Stimmen auszublenden. Genau dieses ist die Funktion des Silencing (engl. "zum Schweigen bringen"). Statt sich einem Dialog zu gerechten Bedingungen zu stellen, werden Positionen, die der eigenen Sicht entgegensprechen, ausgeblendet. Dafür gibt es eine Vielzahl von Methoden: Gesprächsbeiträge ignorieren, Personen übergehen oder diese erst gar nicht einladen. Werden zum Beispiel rassistische Schulstrukturen ohne Schwarze Personen oder People of Color diskutiert, fehlt die Stimme der Betroffenen gänzlich - diese wurde also durch das Silencing aussen vor gelassen.

Derailing

Das nicht nur Züge entgleisen, sondern auch Menschen "entgleisen" können, zeigt das Reaktionsmuster des Derailings (engl. derailing = entgleisen) auf. Anknüpfend an der Weißen Zerbrechlichkeit bezeichnet das Derailing ein ganzes Arsenal an möglichen Reaktionsmuster auf den Hinweis, dass das eigene Verhalten oder Denken rassistisch sei. Ob bewusst oder nicht, das Ziel des Derailing ist dabei das oft dramatische Umlenken der Diskussion auf Nebenschauplätze. Mit dem Hinweis konfrontiert zu werden, dass das eigene Verhalten rassistisch ist, kann schmerzhaft sein - das Derailing dazu wirft nun jedoch gerade der Person vor persönliches vor ("Dieser Vorwurf ist sehr unsensibel!"; "Das du so etwas von mir denkst, hätte ich nicht gedacht."), die das Problem des Rassismus benennt. Das eigentliche Kernthema (Rassismus) wird dabei unterdrückt und es kommt zu debattieren, die weiter davon wegführen.

Weiterführende Literatur:

Rassismus - eine moderne Definition Empfehlung
[1] Die Wissenschaftlerin Robin DiAngelo hat den Begriff der Weißen Zerbrechlichkeit (engl. White Fragility) geprägt. Hier einer ihrer Artikel (2011) in englischer Sprache.
[2] Wer lieber hört als liest, kann sich hier eine schwungvolle Stunde mit Robin DiAngelo anschauen. Ein empfehlenswerter Beitrag in englischer Sprache!