Kulturrassismus.

Vom Rassismus ohne "Rassen"

Der Rassismus Deutschlands war im 19./20. Jahrhundert geprägt von der Rassenlehre. Genetisch, so die Ideologie, unterscheiden sich "Volksgruppen" entscheidend voneinander. Während die Einen als Arier*innen leben sollten, sollten Nicht-Arier*innen umgebracht werden.
Wenn wir nach Rassismus gefragt werden, verbinden wir Rassismus manchmal allzu rasch mit eben jener Rassenlehre. Wir vermeiden damit die Einsicht, dass rassistische Ausschlussmechanismen sich auch anderem Vokabular bedienen kann, um die eigene gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit zu legitimieren.

Die Wissenschaft hat zur Genüge festgestellt, dass es unterschiedliche Rassen zwischen Menschen nicht gibt – aber was war ursprünglich mit diesem Begriff gemeint?

Rasse wurde in der Biologie als Unterbegriff zur Art verwendet. Die Art bezeichnet dabei Gruppen, die sich untereinander fortpflanzen können. Menschen sind daher eine Art, Hunde eine weitere. Die Angehörigen einer Art bilden demnach eine Fortpflanzungsgemeinschaft, sie haben somit Anteil an einem Genpool, in der evolutionärer Wandel stattfindet.[1]

Rassen sind wiederum Untergruppen einer Art, die sich in ihrem Genbestand von anderen Gruppen derselben Art in einem bedeutendem Maß unterscheiden. Dieses „bedeutende Ausmaß“ ist schwer zu definieren, die Zoologie hat es behelfsmäßig mit zwei Kriterien versucht

  1. ▪ Geographisch begrenzte, klar differenzierte Populationen
  2. ▪ über längere Zeit getrennte Abstammungslinien

Die beiden Kriterien treffen auf Menschen nicht zu. So sind die Unterschiede zwischen den unterschiedlichen geographischen Gruppen geringer als innerhalb der jeweiligen „Rasse“ selbst. Auch lassen sich keine getrennten Stammeslinien über längere, evolutionsrelevante Zeit unterscheiden. Stattdessen besteht ein genetisches Netzwerk, das alle Menschen miteinander verbindet.[2]

Rassismus wird in Deutschland zwar oft mit der Rassenlehre gleichgesetzt, welche biologische Unterschiede zwischen verschiedenen Völkern annimmt. Während diese wissenschaftlich widerlegt ist, vermeidet diese Art der Rassismusdefinition gleichzeitig ein Erkennen der heute gängigen rassistischen Denk- und Verhaltensmuster.

Heutige Ausschlussmechanismen argumentieren vermehrt kulturalistisch. Dies bedeutet, dass wir zur Unterscheidung zwischen Menschengruppen das Kriterium der Kultur verwenden. Der Kulturbegriff ist dabei jedoch meist kein dynamischer - das bedeutet, Kultur wird als etwas in sich bewahrenswertes gesehen, welches sich entlang von Traditionen und Brauchtum definiert. Kultur als dynamisches Miteinander, welches stetige Kommunikation, Aushandlung und Veränderung bedeutet, wird hier ausgeblendet. Hierbei kommt es zu einer Besser/Schlechter-Bewertung (Hierarchisierung). Während es also bei Anderen kulturell defizitäres beobachtet, ist die eigene Kultur geprägt von modern-liberalen Weltansichten. Gerade in der Abgrenzung zum vermeintlich Schlechteren gewinnt die eigene Kultur an Profil. Diese Form der Selbstvergewisserung vereint in ihrem Denken somit Kultur als unveränderliches und dessen Hierarchisierung. Eine Imkopatibilität, also eine kulturelle Unvereinbarkeit, scheint hier nur die logische Konsequenz zu sein.

Rassenlehre Kulturrassismus
Ebene biologisch kulturell
Merkmal Genpool Kultur
Gruppen Rassen Ethnie
Hierarchie
Inkompatibilität
Veränderung

Argumentativ wird also von der biologistischen zur kulturalistischen Ebene umgeschwenkt - für die Betroffenen bleibt die Auswirkung jedoch gleich. Auch hier verhindert der rassistische Ausschlussmechanismus ein einseitiges Aufkündigen des Ausschlusses - Betroffene können nicht einfach die eigene "Kultur" an den Nagel hängen und von nun an einfach Menschsein. Im Gegenteil: Vermeintlich geprägt durch unsere Kultur, stehen wir immer wieder repräsentativ für diese eine Kultur ein. So werden beispielsweise Menschen muslimischen Glaubens vermehrt genötigt, sich nach terroristischen Anschlägen von diesen öffentlichkeitswirksam zu distanzieren. Dieses Hineindrängen in Positionen ist dabei gleichzeitig ein Ausschluss aus einem solidarischen "Wir".

Sprachliche Alarmzeichen für Kulturrassismus:
Zeitliche Vergleiche, die Rückständigkeit suggerieren sollen (z.B. "Das ist ja wie im Mittelalter!")
Einseitige Betrachtungen von gesellschaftlichen Missständen ( z.B. "Die unterdrücken Frauen!")
Unverhältnismäßige Vergleiche (z.B. "Wenn wir uns so im Urlaub verhalten würden...")