Die Repräsentationslücke.

Die Folgen rassistischer Ausschlussmechanismen.

Gleichberechtiger Zugang zur Gesellschaft?

Wir leben in einem demokratisch verfassten Staat - Bestandteil unseres Selbstverständnisses ist es, dass wir allen Menschen einen gleichberechtigten Zugang zu unseren Ressourcen bieten. So hält Art. 3 Abs. 3 des Grundgesetzes explizit fest:

"Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden."

Abgeleitet von der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verpflichtet das Diskriminierungsverbot darüber hinaus auch zum Minderheitenschutz und hält die Staaten dazu an, den in ihm lebenden Minderheiten Schutz zu gewähren gegen jegliche Form der Diskriminierung.

Empirisch bedeutet das Verbot von rassistischen Ausschlussmechanismen und Minderheitenschutz, dass der Zugang zu den Gestaltungschancen in unserer Gesellschaft ganz praktisch allen zustehen müssen. Statistisch kommt es bei einer gerechten Verteilung zu einer Repräsentation aller Gesellschaftsmitglieder in allen Gesellschaftsteilen.

Um dieses zu prüfen, kann das Merkmal des Migrationshintergrunds herangezogen werden. Einen Migrationshintergrund besitzt jede Person, welche selbst oder mindestens ein Elternteil nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren ist[1].

Wieviele Menschen mit Migrationshintergrund gibt es in Deutschland?

Gesamt
23%

Die mathematische Gleichung ist ganz einfach. Wenn wir allen Menschen eine chancengerechte Umgebung bieten, müssen wir auch annähernd 23% der Menschen in allen Berufsfeldern mit Migrationshintergrund wiederfinden.

Die Realität sind aber anders aus:

Medien
4,5%
Lehrende
4,7%
Beamt*in
4,7%

Schauen wir uns den Bereich der Medienschaffenden an, ergibt dies eine Repräsentationslücke von -18,5%. Das Lehrpersonal in unseren Schulen weist eine Repräsentationslücke von -18,3% - gleiches gilt für das Beamtentum.

Auswirkungen der Repräsentationslücke

Neben der Frage, wie es zu dieser Repräsentationslücke überhaupt kommt, ist auch die Fragestellung, was diese Repräsentationslücke für Auswirkungen hat, wichtig. Repräsentation bedeutet so gut wie immer auch Normalitätseindruck. Dies bedeutet, dass wir in der Repräsentation einen Status der Normalität suggerieren - auch wenn dieses tatsächlich nicht unsere Gesellschaft abbildet. Wenn die Belegschaft eines Unternehmens ausnahmslos weiß ist, dann kann dieses für Bewerber*innen of Colour von Bedeutung sein. Ist der Normalitätseindruck vorher einmal geschaffen, fällt nun die Bewerber*in of Color vermeintlich "aus dem Rahmen". Das der Rahmen vormals erst geschaffen wurden, und dieses anhand von rassistischen Ausschlussmechanismen, bleibt dabei verdeckt.

Eine weitere einprägsame Formel lautet: Normalitätseindruck bedeutet auch Normalitätsdruck. Nicht nur linguistisch sind sich der Eindruck und der psychologische Druck nahe, auch in den Auswirkungen scheint das eine das andere zu bedingen. Weren uns in der Medienlandschaft, in der Schule und bei unseren Freizeitaktivitäten immer wieder überproportional weisse Personen präsentiert, kann dieses für Menschen, die diesen Eindruck vermeintlich nicht entsprechen, Druck bedeuten. Eine Umwelt, die in ihrer homogenen Repräsentation keinen Platz für Schwarzen Menschen oder Personen of Color bietet, nimmt diesen gleichzeitig Identifikationsfläche und role models.

Das sowohl Normalitätseindruck als auch Normalitätsdruck nicht ohne Folgen bleiben, können wir uns vorstellen. Wie verheerend diese Mechanismen jedoch sind, illustriert das sog. Doll Experiment. Hierbei werden Kindern zwei Puppen (engl. dolls) gezeigt: Eine davon ist schwarz, eine weiß. Mit welcher Puppe wollen die Kinder nun aber spielen? Und wie begründen die Kinder ihre jeweilige Wahl? Das Experiment offenbart, dass schon Kindergarten-Kinder gesellschaftlichen Rassismus internalisieren.

Das Puppenexperiment

Wege aus der Repräsentationslücke

Es gilt also, eine Weltsicht und einen Normalitätseindruck zu vermitteln, die allen Menschen sowohl Chancen als auch Möglichkeiten aufzeigen. Repräsentationslücken entstehen, wenn wir systematisch ausschliessen. Andersherum formuliert: Wir können auch systematisch einschließen. Hierum bemühen sich verschiedene Initiativen und Organisationen. So setzen sich die → Neuen deutschen Medienmacher*innen als bundesweiter Zusammenschluss von Medienschaffenden mit unterschiedlichen kulturellen und sprachlichen Kompetenzen und Wurzeln für mehr Vielfalt in den Medien ein. Dies bedeutet sowohl vor als auch hinter den Kameras und Mikrophonen und an den Redaktionstischen. Aber auch die Planungsstäbe, Führungsetagen und Aufsichtsgremien sind mitgemeint.

Einen anderen Ansatz wählen Seiten wie → Diversity Spielzeug. Die Macher*in hinter der Seite möchte Kindern die Möglichkeit geben, sich in den Büchern die sie lesen oder die ihnen vorgelesen werden, wiederzufinden. Durch Vielfalt in Büchern und Spielzeug soll die Repräsentationslücke geschlossen werden und allen Kindern Raum zur phantasievollen Entfaltung gegeben werden.