Schwarz/weiß.

Gibt es Rassismus gegen Weiße?

Was ist gemeint, wenn wir heute von Schwarzen und weißen Menschen sprechen?

Wir werden sehen, dass folgendes auf den Begriff Schwarz zutrifft:

  1. Eine Selbstbezeichnung ist

  2. Mit großem S (Schwarz) geschrieben wird

  3. Eine soziale Positionierung beschreibt

  4. Nicht die Hautfarbe beschreibt

Schwarz ist also eine Selbstbezeichnung und meint damit bewusst nicht die Hautfarbe. Gemeint ist vielmehr eine gesellschaftliche Erfahrungswelt; hierbei begreifen sich Menschen in einer sozialen Position, die in Deutschland zwar rassistisch benachteiligt ist, die aber auch auf zusätzliche Ressourcen zählen kann, so z.B. die Selbstorganisation, kulturelles Wissen etc. Um zu kennzeichnen, dass es sich hierbei um eine soziale Positionierung handelt (nicht jedoch um die Hautfarbe geht), wird Schwarz mit einem großen S geschrieben. Dieses macht gleichzeitig die Selbstermächtigung sichtbar.

Der Gegenpart, also weiße Menschen, kann zur Kenntlichmachung als gesellschaftliche Positionierung kursiv geschrieben werden. Weißsein bedeutet nun das Privilegiert-werden von der rassistischen Gesellschaftsstruktur. Weiße Menschen müssen sich nicht rechtfertigen, woher sie eigentlich kommen. Weiße Menschen kennen es nicht, aufgrund rassistischer Ausschlüsse nicht in einen Club zu kommen. Weiße Menschen werden auch nicht überdurchschnittlich häufig von der Polizei kontrolliert oder auf dem Arbeits- sowie Wohnungsmarkt benachteiligt.

Alle diese Vorteile fasst der Begriff des Privilegs (plural Privilegien) zusammen. Da dieses historisch gesehen u.a. aus dem Kolonialrassismus entspringt, nennt die Rassismusforschung diese gesellschaftliche Position weiß (und nicht nur "privilegiert"). So ergibt sich, dass es keinen Rassismus gegen Weiße gibt, da es gerade Menschen in der weißen Position sind, die von einer stetigen Bevorteilung profitieren.

Als dritte Positionierung kommt der Begriff People of Color (Abk. PoC) (Singular Person of Color) hinzu. Diese Selbstbezeichnung benennt Menschen, die sich zwar nicht als Schwarze Person, aber dennoch als Personen mit Rassismuserfahrungen wahrnehmen. Sich selbst PoC zu nennen kann dabei ebenfalls ein Akt der Solidarität sein, da erneut der erlebte Rassimus nicht als individuelles, sondern kollektives Problem erkannt wird.

Unterscheidung gelesen/positioniert

Ob wir selbst weiß oder Schwarz sind, liegt einmal in unseren eigenen Händen, gleichzeitig aber auch in den Augen der Betrachter*innen. So paradox dies klingt, so einfach lässt sich dieses nachvollziehen:
Da gerade das Schwarz-Sein ein Akt der Selbstermächtigung ist, basiert dieses auf dem aktiven Akt der Selbstpositionierung. Wir können uns als Schwarz bezeichnen, wenn wir uns als Person wahrnehmen, die rassistischen Ausschlussmechanismen ausgesetzt ist. Schwarzsein kann dabei auch ein Akt der Solidarisierung darstellen, da wir gleichzeitig erkennen, das es anderen Schwarzen Personen genauso geht und es gerade nicht ein individuelles Problem ist.

Gleichzeitig werden wir aber auch von unseren Mitmenschen gelesen. Dies bedeutet, dass uns andere Personen, zuerst anhand von äußerlichen Merkmalen, kategorisieren. Es kann also passieren, dass Selbstpositionierung und die Fremdpositionierung (also die Art, wie man gelesen wird) auseinanderfallen.

Kurze Antwort: Nein. Denn selbstverständlich brauchen wir ein sprachliches Werkzeug, um Machtstrukturen zu benennen, zu analysieren und anschließend zu verändern.

Längere Antwort: Für einen Moment scheint es so. Dabei müssen wir uns merken: Sowohl Schwarz als auch weiß möchte nicht Menschen in Gruppen aufteilen, sondern deren schon bestehende Aufteilung kurzzeitig nachzeichnen. Gedanklich verstärken wir dabei die Trennung. Diese analytische Spannung gilt es aber auszuhalten, damit wir die rassistischen Ausschlussmechanismen verstehen und aushebeln können.

Nicht gut. Genauso wenig wie "Schwarzafrikaner*in". Warum? Weil es die Erkenntnis ausklammert, dass Schwarz und weiß soziale Konstruktionen sind und ursprünglich gerade nicht die Hautfarbe meinen. Schwarz und weiß sind Positionen der Benachteiligung und Privilegierung, die wir in unseren Gesellschaften aktiv erschaffen.

Ein zusätzliches Problem des Begriffs "Farbiger" ist zudem, dass es absurderweise Schwarzen Menschen die Eigenschaft der "Farbe" zuschreibt, dabei jedoch die weiße Position gänzlich unbenannt lässt.

Geschichtliche Anknüpfungspunkte.


Christliche Farbenlehre

Es ist das Christentum, welches die Farben Schwarz und Weiß fundamental mit Bedeutung auflädt. Dabei steht Weiß für die reine Nähe zu Gott, während Schwarz für das Unchristliche, sündhafte und heidnische steht. Die christliche Betrachtungsweise verknüpft dabei zwar die Farben mit Bedeutung, die Farben aber wiederum nicht mit Haut.

Graphische Darstellung: Christliche Farbenlehre

Christliche Farbenlehre

Dies heißt: Während weiß für Gottesnähe steht, steht weißliche Hautfarbe für nichts – sie ist bedeutungslos. In der Antike, aber auch im Mittelalter, ist Hautfarbe somit noch nicht mit Herkunft und Zugehörigkeit verknüpft. Wir können damals, so die Annahme, nicht „von außen“ erkennen, ob die jeweilige Person dazugehört.

Schauen wir uns Bilder aus dem frühen Christentum an, sind dort Menschen mit dunkler und heller Hautfarbe abgebildet. Dabei bedeutet dies gerade nicht die tatsächliche Hautfarbe, sondern symbolisiert die jeweilige Nähe zum Christentum. So sind Heid*innen dunkler gemalt, Christ*innen heller und Heilige strahlend weiß.

Exemplarisch beschreibt die Bibel im Buch der Richter (Ri 12,5–6):

„Und die Gileaditer besetzten die Furten des Jordans vor Ephraim. Wenn nun einer von den Flüchtlingen Ephraims sprach: Lass mich hinübergehen!, so sprachen die Männer von Gilead zu ihm: Bist du ein Ephraimiter? Wenn er dann antwortete: Nein!, ließen sie ihn sprechen: Schibbolet. Sprach er aber: Sibbolet, weil er's nicht richtig aussprechen konnte, dann ergriffen sie ihn und erschlugen ihn an den Furten des Jordans, sodass zu der Zeit von Ephraim fielen zweiundvierzigtausend.“

Es benötigte somit (Aus)Sprache (in diesem Falle die des Wortes "Schibbolet", um Menschen in Gruppen einzuteilen – das Aussehen reichte dafür nicht. Wir können gleichzeitig festhalten: Die sichtbare Diversität der damaligen Gesellschaften war so selbstverständlich, dass die Menschen gar nicht auf die Idee kamen, diese anhand von Äußerlichkeiten aufzuteilen.


Mittelalterliche Stände

Das Mittelalter führt zu einer langsamen Bedeutungsverschiebung – neben der christlichen Farbenlehre erlangt Hautfarbe selbst Symbolkraft. So steht diese vermehrt für den gesellschaftlichen Stand. Weiße Hautfarbe ist ein Zeichen des Adelsstandes; noch heute kennen wir den Begriff blaues Blut. Die Haut war dabei so weißlich, dass die (blauen) Blutadern sichtbar waren.

Graphische Darstellung: Mittelalterliche Stände

Mittelalterliche Stände

Je dunkler die Hautfarbe, desto klarer wurde die Arbeit im Freien sichtbar. Dunklerer Teint stand hierbei also für ein bäuerliches Leben und eine Form der Erdverbundenheit, die es bei der Aristokratie nicht gab.

Im Mittelalter dient die Hautfarbe als Indiz für den sozialen Stand – sie ist jedoch kein Hinweis auf eine örtliche Herkunft oder eine grundlegende Zugehörigkeit zur Gesellschaft. Stattdessen ergab sich, sicher auch gespeist aus der christlichen Farbenlehre, ein Schönheitsideal, das sich auf der Idealisierung des adligen Lebens stützte. Klar ist dabei auch: Hautfarbe war auch ein temporäres Zeichen, welches zumindest theoretisch auch Platz für soziale Mobilität gab. Hautfarbe ist hierbei keine persönliche Eigenschaft, sondern ein Hinweis auf die gesellschaftliche Verfasstheit und Position.

Die Maafa (17.-19. Jhd.)

Wie kommen wir aber auf die Idee, dass Haut- und Haarfarbe uns etwas über das Dazugehören erzählen könnten?

Es ist die Maafa, also die Versklavung über 25 Millionen Menschen und deren Verschiffung aus Afrika nach Amerika, die einen fundamentalen Bruch im Rassismus bedeuten. Während Die Rassismen vor der Maafa den einzelnen Menschen immer noch persönliche Moblilität zusprachen (so konnte z.B. zum Christentum konvertiert werden), verbindet sich in der Zeit der Maafa der Rassismus mit der vormals christlichen Farbenlehre.

Graphische Darstellung: Kolonialrassismus

Kolonialrassismus

Um die unvorstellbare Dimension der Grausamkeit der Maafa mit dem europäischen christlichen Selbstverständnis in Einklang zu bringen, brauchte es neue Erklärungsmodelle.

Hierzu inthronisierte sich das christliche geprägte Europa als Trägerin der Zivilisation, Entwicklung und später der Aufklärung. Auf der anderen Seite stand Afrika als vermeintlich unzivilisiert, unterentwickelt und primitiv. Hierbei ist das Fremdbild eines, dass weit davon entfernt ist, das Gegenüber anzuerkennen und eine Begegnung „auf Augenhöhe“ anzustreben. Ganz im Gegenteil, zielt die neugewonnene Einteilung auf eine Hierarchisierung in besser/schlechter ab. Dabei muss die Einteilung so weit gehen, dass es mit dem christlichen Selbstbild im Einklang steht, andere Menschen zu versklaven, zu verkaufen und im Zweifel zu töten. Die psychologische Methodik ist dabei so brutal wie einfach: Entmenschlichung. Während noble Europäer*innen also im Guten die Welt missionieren und im Schlechten die Welt versklaven, sind die betroffenen Personen infantilisiert.

Es verstärkt sich nun scheinbar unaufhebbar die Verbindung zwischen Ursprung/Zugehörigkeit und Hautfarbe. In der europäischen Vorstellung kommt es der Phantasie, dass die Hautfarbe ein Indiz für die jeweilige Entwicklungsstufe sein könne. Die fatale Umdeutung bedeutet dabei gleichzeitig, dass die einzelne Person kaum mehr aus dieser Lesart herauskommt. Nun kann vermeintlich von „außen“ abgelesen werden, woher wir kommen, wohin wir gehören und wie entwickelt wir sind. Es ist genau dieser Kolonialrassismus, der in unserer europäischen Geschichte so wirkmächtig wird.

Zusammenfassung

✓ Schwarz und PoC (Person/people of Color) sind Selbstbezeichnungen und somit ein Akt der Selbstermächtigung
✓ Sowohl Schwarz als auch Weiß sind soziale Positionierungen der Benachteiligung respektive Privilegierung
✓ Schwarz und Weiß bezeichnet nicht die Hautfarbe
✓ Die christliche Farbenlehre lädt die Farben mit Bedeutung auf, ohne dieses auf Hautfarben zu übertragen
✓ Das Mittelalter verbindet mit der Hautfarbe einen sozialen Stand innerhalb ihrer Gesellschaft, ohne diesen dabei jedoch rassistisch aufzuladen
✓ Im Kontext der Maafa werden rassistische Ausbeitungs- und Versklavungsverhältnisse rassistisch "legitimiert", in dem Menschengruppen nach Hautfarbe beurteilt werden

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